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24.07.2010

Pater Richard über den Stand der Haiti-Hilfe nach sechs Monaten

Pater Richard Frechette – unser Nationaldirektor in Haiti – sendete uns am 20. Juli eine Zusammenfassung der aktuellen Hilfe in Haiti per Email. Sechs Monate nach dem Erdbeben ist die Arbeit noch deutlich umfangreicher als bereits schon vor dem Erdbeben geworden. Viele neue Projekte wurden gestartet: ein Krematorium, eine neue Container-Stadt für heimatlose Kinder, das Kinder-Programm “Engel des Lichts”, acht neue Straßenschulen wurden eingerichtet, alle anderen 23 Straßenschulen sind wieder in Betrieb, ein Programm für Prothesen und Rehabilitation wurde gestartet, eine Krankenstation in St. Luke, neue Kinder im Kinderdorf, Verteilung von Wasser, Essen, Kleidung und Zelten in den Zeltstädten und Verbesserung des Krebs-Programms im Kinderkrankenhaus St. Damien.

Die Email unseres Nationaldirektors in Haiti Pater Richard Frechette:

Liebe Freunde,

seit dem Erdbeben sind sechs Monate vergangen und unsere Arbeit ist mindestens dreimal umfangreicher als zuvor. Wir haben so viele neue Programme, um den dringenden Bedürfnissen begegnen zu können.

Heute haben wir zum ersten Mal Feuer in unserem Krematorium entzündet. Obwohl ich scherzhaft sagte, dass ich es gerne benutzen würde, um Schwester Judys Geburtstagskuchen zu backen (heute war ihr 65. Geburtstag), ist die traurige Wahrheit doch die, dass die Armut die Armen sogar über den Tod hinaus erniedrigt – wovon man sich innerhalb von Sekunden durch einen kurzen Besuch der einfachen Leichenhalle überzeugen kann.

Unser erster Anlauf zu einer würdevolleren Bestattung durch die Einäscherung, fand, wie fast vorherzusehen gewesen war, für ein Kind statt: die fünfjährige Lori Demosthene. Wir sprachen die üblichen Totengebete, empfahlen Loris Seele Gott an, Asche zu Asche und Staub zu Staub. Das ist unsere Realität. Der Zyklus des Lebens, der viel zu schnell zum Ende kommt, der bereits in der Kindheit abgeschlossen ist.

Das Krematorium ist unserer Mater Dolorosa, der Schmerzensmutter geweiht. Unser eigener großer Schmerz besteht darin, jede Woche mehr als 50 Kinder und 30 Erwachsene zu begraben.

Unser neuer Platz für heimatlose Kinder ist fast fertig. Die ganze Woche lang haben wir dort gearbeitet. Anstatt ganz klein anzufangen, haben wir leere Wohncontainer auf einem weitläufigen Areal von 4.000 Quadratmetern Größe aufgestellt. Mit der Zeit werden wir uns noch weiter ausdehnen. Die Container selbst werden den Kinder bald Schlafplätze bieten; der Raum für die Einnahme von Mahlzeiten, Unterricht und Freizeitaktivitäten wird im Schatten der Container unter großen Sonnensegeln sein.

Ungefähr 350 Kinder warten bereits darauf, aufgenommen zu werden. Es wird einen Bereich für kleine Kinder geben – der Heiligen Anna, Großmutter Jesu Christi geweiht – und einen Bereich für ältere Kinder, geweiht Ludwig dem Heiligen. Wir hoffen, am Festtag der Heiligen Anna, dem 27. Juli, eröffnen zu können.

In der Zwischenzeit ist das Kinder-Programm in den Zelt-Städten, genannt “Father Wassons Engel des Lichts”, immer weiter aufgeblüht und entwickelt sich immer schneller zu einem inoffiziellen Schulsystem und einer Essensausgabestelle für 3.000 Kinder.

Kinder im Programm Engel des Lichts

Kinder im Programm Engel des Lichts

Wir haben innerhalb dieser vergangenen sechs Monate acht weitere Straßenschulen eingerichtet. Eine davon ist für blinde und taube Kinder. St Vincent’s in Port-au-Prince, die Schule, auf die sie früher gingen, wurde durch das Erdbeben zerstört. Also haben wir für sie eine ganz einfache Übergangs-Schule errichtet, in die sie gehen können, bis St Vincent wieder aufgebaut ist. Die ersten zehn Kinder besuchen diese Schule bereits regelmäßig. Wir haben die Schule nach der geliebten und kürzlich verstorbenen Gründerin von St Vincent benannt, nach Schwester Joan Margaret. An unseren 23 anderen Schulen wird weiterhin unterrichtet, manche sind in Zelte umgezogen, andere in unbeschädigte Gebäude. Alle werden nach und nach wieder aufgebaut werden. Wir planen bereits die Umsetzung dieser Arbeiten.

Viele unserer Straßenschulen sind eingestürtzt.

Viele unserer Straßenschulen sind eingestürtzt.

Das Programm “St Germaine” für Prothesen und Rehabilitation ist sehr gut angelaufen. Viele Menschen beenden ihre Therapie-Einheiten und verlassen uns mit Krücken, Rollstühlen und künstlichen Gliedmaßen, die sie ein klein wenig stärker, ein klein wenig fähiger machen. Die Mütter gehen auf so wundervolle und geduldige Art mit ihren Kindern um, aber traurigerweise sind manche Mütter seit dem Erdbeben selbst behindert oder es fehlen ihnen Gliedmaßen. Das ewige Sandkorn Hoffnung bleibt.

Kinder in unserem Behindertenheim St. Germain.

Kinder in unserem Behindertenheim St. Germain.

In unserem “Feldlazarett” für Erwachsene und Kinder, St Luke, konnten schon einige Leben gerettet werden. Es sieht zwar aus wie in einem Ausschnitt aus Gilligans Insel (Anm. d. R.: amerikanische Sitcom über eine auf einer Insel gestrandete Familie), erfüllt im Moment aber seinen Zweck. Gerade bauen wir einen Operationssaal aus Fertigteilen und versuchen unser Möglichstes, dem Ganzen eine familiären Atmosphäre zu verleihen. Wir haben bereits ein transportables CT-Gerät und planen ein tragbares, digitales Röntgengerät. Diese Geräte sind von größter Wichtigkeit, da wir Patienten mit schrecklichen traumatischen, körperlichen Verletzungen haben. Unsere Möglichkeiten wachsen beträchtlich durch diese Ausrüstung, die wir in einem klimatisierten Container einsetzen werden! Gerade heute haben wir von der spanischen Regierung einen Krankenwagen für unser „Feldlazarett“ gespendet bekommen.

Gemeinsam Essen im Nachbarschaft-Programm St. Luc

Gemeinsam Essen im Nachbarschaft-Programm St. Luc

Am 23. Juli nimmt unser ursprüngliches Waisenhaus – seit 23 Jahren im Bestand – 40 durch das Erdbeben geschädigte Kinder auf. Damit steigt die Bewohnerzahl hier in St Helene auf 400 Kinder an.

Eingangsschild zum Kinderdorf St. Helene

Eingangsschild zum Kinderdorf St. Helene

Wir haben noch immer viel mit der Verteilung von Essen, Kleidung, Wasser, Zelten und tausender Schuhe zu tun, gespendet im Andenken an Molly Hightower, eine unserer Volontärinnen, die ums Leben kam, als unser Hauptsitz in Petionville zusammenbrach, und um die wir sehr trauern. Die Verteilung ist schwierig aber wichtig, da sich Port-au-Prince selbst seit dem Erdbeben vor sechs Monaten kaum erholt hat. Viele haben sicherlich die Bilder gesehen, die wir vom Denkmal für unsere beim Erdbeben verstorbenen Kinder, Angestellten, Volontäre und Mitarbeiter gemacht haben. Es befindet sich im St Damien Krankenhaus und ist einer unserer neuen Eckpfeiler.

Wand zum Gedenken an die Opfer des Erdbebens

Wand zum Gedenken an die Opfer des Erdbebens

Im Krankenhaus St Damien wird das Krebs-Programm verbessert, das Operations-Zentrum ist sehr aktiv, die neuen Mutterschafts- und Neonatologie-Programme haben ihre Startschwierigkeiten, entwickeln sich aber gut. Mittlerweile können wir digitale Elektroenzephalogramme erstellen, die wir im Ausland auswerten lassen. Das tun wir, um Anfälle unserer Patienten überwachen zu können und es bedeutet einen wirklich großen Fortschritt für unsere Behandlung dieser Patienten. Ebenfalls gerade heute ist die kleine Anabel nach Italien gereist, um endlich den Teil ihrer Schädeldecke ersetzt zu bekommen, den sie während des Alptraums vom 12. Januar 2010 verlor.

Ich werde versuchen, Bilder von vielen dieser Geschehnisse zu bekommen und sie, so bald es mir möglich ist, auf den Webseiten von UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN zu veröffentlichen.

Vielen Dank euch allen für eure Gebete, eure Spenden und eure Unterstützung!

Pater Richard Frechette
20. Juli, 2010

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