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Ostern bedeutet: Wir lassen niemanden zurück

03.04.2012

Osterbotschaft von Pater Richard Frechette, Leiter der Einrichtungen von nph haiti.

Pater Richard mit Kindern von St. Louis
Pater Richard mit Kindern von St. Louis

Die Zeit ist nah, da Christus von den Toten auferstehen wird!

Gewaltige Lichtblitze, schallende Trompeten, himmlische Musik klingen über die Ebenen und von den Bergen. In nur einem Augenblick werden die Ketten des Todes durchbrochen.

Dieser Moment des Jubels wurde in Liedern, Gedichten und Kunstwerken Jahrhunderte lang und auf allen Kontinenten in den herrlichsten Darstellungen festgehalten, um die unter uns zu erquicken, die sich noch immer ‚trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen‘ befinden.
Ich erinnere mich, wie ich einst ein bewegendes Gemälde von einem Engel betrachtete, der verzweifelt versuchte, den fahlen und leblosen Jesus aus dem Grab nach oben zu ziehen. Dieses Bild wird in mir jedes Mal wieder lebendig, wenn ich die vielen Müttern sehe, die versuchen, ihr sterbendes Kind dem nahenden Tod zu entreißen, und noch schmerzlicher, in Müttern, die entgegen aller Vernunft hoffen, dass eine letzte, heftige Umarmung ihr bereits lebloses Kind ihrem erstarrten Herzen wiedergeben kann.

Der Engel in diesem Gemälde enthüllt ein Geheimnis, indem er uns so etwas wie „den Anfang“ der Auferstehung zeigt. Es zeigt Engelswerk, das in dunklen Zeiten vollbracht wird. Dieses große Werk Gottes in der Finsternis lässt das Licht der Weisheit und den Glanz der Ewigkeit aufgehen. Genauso wie Kohle unter extremen Druck sich mit der Zeit in Diamant verwandelt.

Der Engel in dem Bild steht für andere, langsamere und bescheidenere Auferstehungen aus dem Herzen der Finsternis.

Die vierzig Jahre währende Auferstehung des Volkes Israel war eine Verwandlung in der Wüste, eine Verwandlung, die es aus der Finsternis des Sklaventums zu Architekten einer zivilisierten Nation machte. Dieser liegt ein Moralkodex zugrunde, der aus der Gemeinschaft mit dem Einen Wahren Gott geboren wurde.

Die Heilige Schrift offenbart uns, dass Mose, der Führer und Vater des Volkes Israel, kurz vor der Vollendung seines langen Strebens gestorben ist. Er war 120 Jahre alt, als er das Gelobte Land erblickte und im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und mit allen seinen Zähnen starb!

Da so viele Menschen noch viel früher als mit 120 Jahren bereits einen beachtlichen Teil sowohl ihres Verstandes als auch ihrer Zähne verloren haben, ist es da nicht merkwürdig, dass gerade dieses Detail über Mose’ Tod Bestandteil des geoffenbarten Wortes ist?

Man kann leicht behaupten, dass jemand, der über seinen Verstand, aber nicht mehr über seine Zähne verfügt und dessen Worte von verfallenen und schlaffen Lippen gesprochen werden, es nicht leicht hat, einen anderen von seiner geistigen Kraft zu überzeugen. Mose‘ Zähne waren der Rahmen, durch den er freimütig und klar die Offenbarungen und Wünsche Gottes kundtat.

Ein haitianisches Sprichwort fordert dazu auf, “seine Zähne zu zeigen“, wenn man unverzagt gegen starke Widrigkeiten ankämpfen muss.

Gottes erhabene Vision von menschlichem Wohlbefinden und die Verpflichtungen, die uns Gläubigen daraus entstehen, vermehren und vermindern sich nicht durch wirtschaftliche Entwicklungen. Zu rechter Zeit oder zur Unzeit, in guten wie in schlechten Zeiten, wenn wir ganz leicht über die ruhige See segeln und wenn dunkle Wolken aufziehen – Gottes Erwartungen und Forderungen bleiben immer gleich. Für Mose war es keine Frage, dass das gesamte Volk Israel ins Gelobte Land geführt werden musste. Es gab keinen auserwählten Klerus und auch keine bevorzugte Klasse. Selbst die Halsstarrigen und Widerspenstigen durften nicht zurück- und dem sich über ihnen schließendem Meer überlassen werden. Es war alle oder keiner. Es ging ums Ganze. Niemand wurde zurückgelassen.

Manchmal gab es Flüsse und manchmal musste Mose Wasser aus trockenen Steinen hervorbringen. Manchmal gab es Wachteln und manchmal musste Mose Brot vom Nachthimmel regnen lassen. Und all das, während er Aufbegehren gegen sich und sogar Forderungen nach seinem Tod ertrug.

In der Finsternis lernte Mose, dass sich Verzweiflung, die nach oben gerichtet wird, in Gebet verwandelt und dass der Himmel versteht und hilft.

Armer Mose. Er durfte nicht aufgeben, selbst als Zweifel aufkeimten, als er Enttäuschung spürte und als er gegen sein eigenes Schicksal aufbegehrte.

Als er sich das zweite Mal in der ausgedörrten Wüste wiederfand und zwischen einem großen Felsen und seinem halb verdursteten Volk stand, das ihm folgte (und von dem er ziemlich entnervt war), befahl ihm Gott, gegen den Stein zu schlagen und aus Ärger schlug er zweimal zu. Die Menschen tranken von dem Wunderwasser, bis sie keinen Durst mehr verspürten, aber dieser Zusammenbruch kostete Mose seinen Einzug in das Gelobte Land.

Genauso wie zu Mose‘ Zeiten können unsere eigenen weltweiten Sorgen und die wirtschaftlichen Bedrohungen die Spielregeln nicht ändern. Gottes Vision für uns und seine Erwartungen an unser Handeln haben sich kein bisschen verändert. Das trifft ganz besonders auf die unter uns zu, die die Mission von Padre Wasson weiterverfolgen. Unsere Heime und Herzen sind voll von Waisen und verletzlichen Kindern. Unsere Hilfe richtet sich an gefährdete Jugendliche und an den Rand gedrängte Frauen.

Wir sagen nicht: “Wir machen weiter, aber wir helfen nur der Hälfte.“ Nein, das geht nicht.

Wir glauben noch immer an die kleinen, langsamen Auferstehungen.
Wir glauben an das Werk Gottes in der Finsternis.
Wir werden weiterhin Kinder wie Chantal in die Dominikanische Republik schicken, damit sie dort einer lebensrettenden Herzoperation unterzogen werden. Wir werden weiterhin halbtote Frauen wie Marie, die im Sterben lag, von ausgedörrten Straßenrändern aufheben. Wir lassen niemanden zurück.

Unser Schmerz ist nach oben gerichtet und verwandelt sich in Gebet. Noch immer kann Wasser aus Felsen sprudeln. Noch immer kann Manna vom Himmel regnen. Wenn wir glauben.

Wir schlagen auf eigene Gefahr zweimal gegen den Felsen.

Vielen Dank, dass Sie mit uns diese klare Vision der Hoffnung für jeden einzelnen Schritt auf dem Weg teilen.

Vielen Dank, dass Sie entschlossen Ihre starken Zähne zeigen, und das bis zum Ende.

Besonders in schwierigen Situationen können und müssen wir etwas bewegen.

Ich wünsche Ihnen ein frohes und gnadenreiches Osterfest und möchte Ihnen meine Dankbarkeit und Freundschaft zukommen lassen.

Möge Ihre Finsternis mit Engeln bevölkert sein, und möge Ihr Licht Ihnen strahlende Freude bringen.“

Ihr Pater Richard Frechette

 

Dieser Artikel wurde am 03.April 2012 von MStemmer geschrieben.

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